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Übersetzt von
Aline Bonnefoy
Veröffentlicht am
08.03.2022
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3 Minuten
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Chanel: Sag’s mit Tweed

Übersetzt von
Aline Bonnefoy
Veröffentlicht am
08.03.2022

Nur wenige Stoffe sind enger mit einem bedeutenden französischen Modehaus verbunden als Tweed mit Chanel. Die jüngste Show des Labels am Dienstag zeigte fast ausschließlich Entwürfe aus dem groben und dennoch luxuriösen Material.

 


Markengründerin Coco Chanel verliebte sich vor über 100 Jahren in den Stoff. Es wird erzählt, dass sie zunächst die Tweedjacken ihres Liebhabers, dem Herzog von Westminster, trug und die Strapazierfähigkeit des Stoffs sowie die einzigartigen Farben bewunderte.

Ihre Nachfolgerin Virginie Viard teilt diese Vorliebe für Tweed und ließ die Einladung für die Chanel-Show am letzten Tag der Paris Fashion Week aus Tweed anfertigen, in vielfältigen Farbschattierungen – Hellviolett, Braunrot, Metallic-Blau.

Coco bezog ihre Tweedstoffe ab 1924 in einer schottischen Fabrik und ging manchmal dem Ufer des Tweed-Flusses entlang, um passende Farbschattierungen zu entdecken. Sie sammelte Wiesenblumen, Erde, Farne und Blätter, um die Kunsthandwerker bei der Entwicklung neuer Farben zu inspirieren.

Mit der Einladung versandte Viard auch ein charmant aussehendes Look-Book. Die darin enthaltenen Bilder wurden von Inez Van Lamsweerde und Vinoodh Matadin an den Ufern des Tweeds gemacht, in einer der bedeutendsten Lachsfangregionen Europas. Auf jedem Sitzplatz wartete ein kleines Geschenk, der Chanel-Duft 'Paris-Edinburgh'.

Die Kollektion wurde im temporären Ausstellungsraum Grand Palais Éphémère enthüllt. Dessen Wände wurden in handbemalten Tweed in Schwarz und Weiß eingekleidet, die Sitzpolster aus rosarotem und elfenbeinfarbenem Tweed hergestellt.
 
Das Model Vivienne Rohner eröffnete die Show in einem lieblichen wassermelone- und fuchsienfarbenen Tweedmantel, der bereits im Look-Book abgebildet war. 
Doch war Viards Vision keine Spur Retro, sie vermischte großartige karierte Redingotes in Korallenrot und Rotbraun mit den angesagtesten Schuhmodellen der Saison – oberschenkellangen Stiefeln. Doch bei Chanel wurden diese nicht aus Leder gefertigt, sondern aus grünem Kautschuk – wie schottische Fischerstiefel.

Eine weitere exzentrische Wahl waren die dicken Wollstrümpfe wie zu Großmutters Zeiten, die rund ein Drittel der Models trugen. Mit ihren matten Farben boten sie einen cleveren Kontrast zu den glänzenden Schattierungen vieler Tweedstoffe. Die klassische Chanel-Jacke mit vier Taschen wurde in Norfolk- und Safariversionen überarbeitet. Dazu zwei Dutzend Tweedtaschen, von kleinen Schultertaschen in den Farben der Einladungen bis hin zu hellbeigen Totebags.

"Die ganze Kollektion dem Tweed zu widmen, ist eine Hommage. Wir folgen Gabrielle Chanels Fußstapfen entlang des Tweed-Flusses, um Tweeds in den Farben dieser Landschaft anzudenken. Wie der lange pinke Mantel mit blauen und violetten Marmorierungen oder ein weinroter Anzug mit sanftem Goldschimmer", erklärte Viard.
 
Coco ließ ihre Tweeds schließlich in Frankreich herstellen und sie mit Seiden-, Baumwoll- und später auch Zellophan-Fasern ergänzen. Dadurch wurden sie leichter, heller und luxuriöser.

Dann war da auch eine psychedelische Abänderung des Farbschemas der Herbstkollektion 2022: Silberne Spiegelungen in Violett, Purpurrot und Meeresgrün. Diese sahen oft auf dunklen Hautfarben besonders dramatisch aus, wie auch in einer weiteren keltischen Anspielung an einer Gruppe rothaariger Models.

Viard baute darüber hinaus einige großartige Lederlooks ein, von einem unbeschwerten olivgrünen Agentenmantel bis hin zu zwei perfekt geschnittenen Etuikleidern aus Lammfell. Und sorgte mit einem Farbschema, das von britischen Albumcovers der Sechzigerjahre inspiriert war, für eine unerwartete Wendung. Diese schwungvollen Farbkombinationen waren gleich im Eingangsbereich zum Laufsteg im Chanel-Markennamen ersichtlich. Und sie wurden auch im Soundtrack aufgegriffen, mit John Lennons ungekürzter Fassung des klassischen Sechzigerjahre-Songs der Beatles A Day in the Life.

Ein eindringlicher Moment in einer Kollektion, die vielleicht nicht die legendärste Show inspirierte. Dennoch zeigte Chanel eine großartige variantenreiche Garderobe an Kleidern und Accessoires. Und man darf sich vorstellen, dass diese Kollektion Coco wirklich gefallen hätte.
 

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