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Übersetzt von
Aline Bonnefoy
Veröffentlicht am
25.01.2022
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4 Minuten
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Charlotte Casiraghi eröffnet konstruktivistische Chanel-Couture-Show

Übersetzt von
Aline Bonnefoy
Veröffentlicht am
25.01.2022

Nach einem Couture-Auftakt mit Schauen im überschaubaren Kreis sprengte Virginie Viard den Rahmen mit einem überaus ambitiösen metaphysischen Set, das in Zusammenarbeit mit dem Künstler Xavier Veilhan entstand, und einer konstruktivistischen Kollektion für Chanel.


Chanel - Frühjahr/Sommer 2022 - Haute Couture - Paris - © PixelFormula



Der Startschuss fiel am Dienstagmorgen mit Charlotte Casiraghi, die in einer anthrazitfarbenen Chanel Couture-Jacke aus Bouclé mit juwelenbesetzten Knöpfen auf ihrem Pferd Cusco um das Set kreiste, zunächst gemächlich, dann im Kanter zum Abgang.

Ein beeindruckendes Set, für das im Grand Palais Ephémère eine Reihe kurviger Sandwege durch teppichbedeckte zentrale Plattformen führten, während für die Gäste riesige Stahlrohre zu Sitzgelegenheiten ausgestaltet wurden. Gewaltige Ringe und Rosetten kreisten auffällig im Hintergrund, während die Gäste für die beiden Schauen um 10 Uhr und zur Mittagszeit eintrafen – von Elsa Zylberstein, Pharrell Williams, Anamaria Vartolomei und Abd Al Malik über Margot Robbie, Carole Bouquet und Sofia Coppola bis hin zu Vanessa Paradis.

Über ihnen schwebten 20 Quadratmeter große Leuchten, LKW-große Pillen und schwindelerregende Blockskulpturen. Mittendrin stand DJ Sébastien Tellier auf einer 10 Meter hohen Plattform und befeuerte die Show mit großartiger Electronic-Funk-Musik.



Chanel - Frühjahr/Sommer 2022 - Haute Couture - Paris - © PixelFormula



Alles in allem, ein brillantes visuelles Set von Künstler Xavier Veilhan, der Frankreich 2017 als Ehrengast an der Biennale von Venedig vertrat.

Die Kollektion spielte mit Designs, Grafiken und Formen aus den 20er-Jahren, ohne je zu Retro zu wirken. Zur Eröffnung frische Hosenanzüge mit klassischen Hahnentritt-Boucléjacken mit vier Knöpfen, in ägyptisch Blau und Kupfer. Viard schnitt naturweiße, himbeerfarbene und erdbeerrote Karo-Mantelkleider, einige davon mit Marabufedern an den Ärmeln. Alle wurden mit zweifarbigen Mary-Jane-Schuhen verankert, deren Absätze den 20er-Jahren nachgefühlt waren. Ebenso auffällig waren die markant geschminkten Augen der Models.

"Ich wollte einen Kontrast zu den geometrischen Formen, große Leichtigkeit und viel Frische, ätherische Kleider, die schweben. Viele Volants, Fransen, Macramé, helle Spitzen, schillernde Tweeds, Knöpfe mit bunten Edelsteinen", erklärte Viard begeistert.

Doch Viards ganz große Idee war der in der Mitte bis zur Taille aufgeschlitzte Rock, der über ein knielanges Spitzenhemden in goldenem Weiß getragen wurde. Für die Abendgarderobe mischte sie mehrschichtige Chiffon-Cocktailkleider und schmal geschnittene Kleider mit Bouclé-Bikerjacken und -Boleros. Dazu schmale Webkleider in schimmernden Platin-Schattierungen, mit viel Zwischenkriegszeit-Glamour. Zum Höhepunkt schickte Viard ein langes Kleid über den Laufsteg, das von Lesage vollständig mit konstruktivistischen Kamelien aus schwarzen, weißen und korallenroten Perlen bestickt worden war, und das ebenfalls in Kombination mit einer kurzen schwarzen Jacke getragen wurde.


Chanel - Frühjahr/Sommer 2022 - Haute Couture - Paris - © PixelFormula



Auf zwei riesigen Leinwänden wurde ein cooles Posh Punk-Video von Casiraghi projiziert. Die Enkelin von Fürst Rainier von Monaco und offizielle Markenbotschafterin von Chanel war darin auf ihrem Pferd Cusco zu sehen, wie sie in einem Paddock und durch den Wald reitet. In Szene gesetzt wurde sie vom norwegischen Fotografen Ola Rindal. Dabei sprang das Video zwischen Vorstellung und Wirklichkeit hin und zurück, ähnlich wie auch diese Couture-Kollektion.

Gegen den Höhepunkt der Show hin begann Tellier plötzlich, auf einer riesigen hölzernen Mandoline zu spielen, während Williams in der ersten Reihe vor Begeisterung die Hand zur Faust ballte.

"Die Idee für diese Kulisse entstammt meinem lang gehegten Wunsch, mit Xavier Veilhan zu arbeiten. Seine Verweise auf den Konstruktivismus erinnern mich an diejenigen von Karl Lagerfeld", erklärte Viard im Gespräch mit FashionNetwork.com im Backstage-Bereich nach der Show.

"Ich mag diese Verbundenheit zwischen uns, jetzt, aber auch in der Vergangenheit. Zusätzlich zur Gestaltung des Show-Dekors mit den Anspielungen auf die Avantgarde der Zwanziger und Dreißiger wollte Xavier mit Charlotte Casiraghi arbeiten. Sein künstlerisches Universum ist von Pferden bevölkert und Charlotte ist eine sehr begabte Reiterin", ergänzte Virginie.


Chanel - Frühjahr/Sommer 2022 - Haute Couture - Paris - © PixelFormula



Es handelte sich um die erste Chanel-Show seit die Wertheimer-Familie, der das Modehaus gehört, einen neuen CEO ernannt hat. Leena Nair, die zuvor als Personalchefin für Unilever tätig war, tritt ihre neue Funktion am Montag, 1. Februar an. Sie war an der Show in Paris nicht anwesend.

Der aktuelle CEO und Clan-Leader Alain Wertheimer saß diskret in der zweiten Reihe und verbrachte viel Zeit damit, Fotos und Videos zu machen – was normalerweise ein gutes Anzeichen dafür ist, dass ein Luxuschef bester Laune ist.

Und das darf er nach dieser höchst gelungenen Kollektion auch sein. Sie war zwar nicht wahnsinnig experimentell, doch bot sie die beste Inszenierung, die Paris in vielen Jahren gesehen hat.

Viard wird von einigen Kritikern viel zu oft und fälschlicherweise als begabte Designerin ohne die Vision einer großartigen Kreativdirektorin bezeichnet. Die heutige Show dürfte dem definitiv ein Ende setzen.

 
 
 

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