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Übersetzt von
Aline Bonnefoy
Veröffentlicht am
23.09.2021
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4 Minuten
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Fendi und Del Core eröffnen die Mailänder Modewoche

Übersetzt von
Aline Bonnefoy
Veröffentlicht am
23.09.2021

Einst entwarfen Designer Kleider, um Frauen zu ermächtigen. Oder, um ihre Schönheit hervorzuheben und zu verherrlichen. Heute scheinen viele Modeschöpfer ein neues Ziel zu verfolgen – sie wollen bei den Personal Shoppern gut ankommen.

Denn wenn es einem Designer in der heutigen Zeit der Luxus-Schwemme gelingt, Unmengen von Produkten zu entwickeln, die Personal Shopper ihren sehr gut betuchten Kundinnen verkaufen können, dann ist die Welt im Lot.

Fendi: Antonio Lopez-Revival



Dies schien auch die Motivation der jüngsten Kollektion aus dem Hause Fendi zu sein, die vollgestopft ist mit Artikeln, die nur so nach 'vermögend' schreien.


Fendi - Frühjahr/Sommer 2022 - Photo: Courtesy of Fendi


Nicht, dass Kim Jones das vorzügliche Know-how seines Ateliers und seiner Wenigkeit nicht gebührend zur Geltung gebracht hätte. Schließlich handelte es sich um seine erste Modenschau mit Live-Publikum seit er vor einem Jahr zum neuen Kreativdirektor ernannt wurde.

Ebenfalls nicht unbemerkt blieb sein großzügiger Einsatz von Plissee-Stoffen, der omnipräsenten persönlichen Note seines Vorgängers, Karl Lagerfeld. Und seine eleganten Entwürfe stammten von einem berühmten ehemaligen Mitarbeiter des Modezaren, dem ebenfalls verstorbenen Illustrator Antonio Lopez. Auch die Idee für die transparenten Kleider griechischer Gottheiten sowie die fließenden Tuniken und Blusen stammt aus dem Archiv.

Wasr ein Haus aus Rom eher ungewöhnlich anmutete, waren die großen Mengen an klassischer italienischer Sportswear – wie sie Mailänder Marken an der Fiera zu zeigen pflegten. Besonders der Anfang – lange, makellos weiße Kaschmirmäntel, locker ausgestellte Hosen und Anzüge mit markanten Schultern.


Fendi - Frühjahr/Sommer 2022 - Photo: Courtesy of Fendi


Der Schlüssel zum Erfolg eines jeden Labels liegt aber im Accessoires-Angebot und da landete Jones mehrere Volltreffer – von den Shearling- und Leder-Umhängetaschen mit Lopez' Prints über eine brillante Unterarmtasche in Silber und Gold bis hin zu großartigen Wedges mit versteckten Architekturelementen am Absatz sowie aufsehenerregenden oberschenkellangen Stiefeln.

Die Models gingen unter reflektierenden Bögen hindurch, in Anspielung an die Architektur des in den 1930er-Jahren errichteten rationalistischen Fendi-Gebäudes in Rom.

Für einen sengenden Sommerabend zeigte Jones perfekt geschnittene Mikro-Plissee-Röcke mit passenden BHs und Micro-Stretch-Cocktailkleider. Und falls es doch etwas kühler werden sollte – gewagte Shearling-Fliegerjacken, die weit über der Hüfte endeten, oder wolkenhafte Marabu-Mäntel in abstrakten Schlammfarben. Für Galaabende bot er opulente Spitzen-Cocktailkleider und durchsichtige Femme Fatale-Seidenblusen, Tops und Strumpfhosen mit Kussmuster.

Vor der Show ließ es sich Fendi-CEO Serge Brunschwig nicht nehmen, Freunde und Entscheidungsträger bestens gelaunt zu begrüßen.



Fendi - Frühjahr/Sommer 2022 - Photo: Courtesy of Fendi


"Das Geschäft läuft hervorragend. Wir erreichen eine breite Kundengruppe. Vielleicht klappt es mit dem einen oder anderen nicht, aber die werden schnell mit noch mehr Neuen ersetzt", freute sich Brunschwig.

Nach dem Finale verneigte sich Kim mit Silvia Fendi und Delfina Delettrez, der Enkelin und Urenkelin der Gründer des Hauses. Heute ist Fendi im Besitz des reichsten Mannes Europas, Bernard Arnault, über seine Luxusgruppe LVMH.

Kurz gesagt: gewaltige Mengen an sehr marktfähigen Produkten, die auch die anspruchsvollsten Personal Shopper begeistern werden. Doch als aussagekräftige Vision für die Zukunft und als Modestatement fiel die Präsentation eher enttäuschend aus.

Del Core: Die

bildkräftige 

Show




Del Core -Frühjahr/Sommer2022 - Milan - Photo: Courtesy of Del Core


 
Wer Bildgewalt suchte, wurde bei Del Core fündig, dem neuen Insider-Schwarm Mailands.

In der letzten Saison gelang Daniel Del Core ein großer Schlag – als einzige Marke organsierte er in Mailand eine Modenschau mit Live-Publikum, wenn auch nur mit 40 Personen.

Nun lud er 300 Gäste in die riesige ehemalige Eissporthalle Palazzo del Ghiaccio, ein, die alle in angemessenem Abstand zueinander saßen. Darunter auch Anna Wintour und zahlreiche angesehene Modejournalisten.

Fest steht: Der deutsch-italienische Designer Del Core verfügt über eine geballte Vorstellungskraft, wie er in diesem dramatischen Ausdruck italienischer Couture erneut zeigte. Gekonnt vermischte er Einflüsse von Biomorphismus, Grand Guignol und tropische Fauna.

"Meine Inspiration stammt von einer Reise nach Costa Rica, wo ich an einem See anhielt und fühlte, wie ich von den Wolken und der Natur und dem Wald getragen wurde. An diesem Ort nahm die Kollektion ihren Anfang", erklärte Daniel vor der Show.



Del Core - Frühjahr/Sommer2022 - Milan - Photo: Courtesy of Del Core


So marschierten die Models durch Kumuluswolken aus rotem und blauem Trockeneis und trugen fantastisch wogende Seidenkleider mit endlosen Rüschen und fast bis zum Steißbein freigelegtem Rücken.

Del Core ist ein ausgezeichneter Drapierer, der seine Kunst mit zunehmender Extravaganz noch vorzüglicher meistert – wie bei den wirklich traumhaften halbtransparenten Chiffon-Kleidern mit Filmdiven-Schwung und bemerkenswerten gelben Kragen sowie einem Revers, das in der Luft zu schweben schien. Oder bei den Cutaway-Kleidern, die mit gekräuselten Wiesenblumen bestickt und mit Kristallen veredelt wurden. Auch vorzüglich ein fantastisches Southern Belle-Kleid mit Rosen- und Blattprint und so voluminösen Raffungen, dass sie das Kleid um das Doppelte aufgehen ließen.

Die Models wirkten frisch und trugen nach hinten gegelte Haare, oft mit riesigen Plissee-Hüten in Form von Tropenbaumblättern, die hoch über dem Kopf thronten.



Del Core - Frühjahr/Sommer2022 - Milan - Photo: Courtesy of Del Core


Die Show hätte jedoch um rund fünf Looks gekürzt werden können, da fehlt es Del Core etwas an Selbstkritik. Doch fühlte sie sich an wie eine Alta Moda-Feier.

Personal Shopper waren hier keine in Sicht, somit ist die Del Core-Frau eine VIP, die auf dem roten Teppich für Furore sorgen will. Früher war Del Core unter Alessandro Michele für die VIP-Kunden von Gucci zuständig. An bildkräftigen Ideen scheint es ihm jedenfalls nicht zu fehlen.
 

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