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London Fashion Week Men's: Die neue Location sorgt für frischen Wind

Übersetzt von
Aline Bonnefoy
Veröffentlicht am
today 07.01.2019
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Die geografische Verlagerung der London Fashion Week Men's in den Osten der Stadt führte zu einem Mentalitätswandel und wirkte sich umgehend positiv aus.


Band of Outsiders - Herbst/ Winter 2019 - Band of Outsiders



Eine Brick Lane für die Menswear: Unzählige Designer und Marken zeigten am Wochenende ihre Entwürfe, darunter einige der besten, die bislang gezeigt wurden.

Die schönste Show des Eröffnungstags wurde von Arashi Yanagawas Label John Lawrence Sullivan organisiert. Die Marke mit Sitz in Tokio wurde nach dem irisch-amerikanischen Boxer desselben Namens bezeichnet.

Die Inspiration der in einem heruntergekommenen Club neben der Bahnunterführung organisierten Show stammte aus dem düster-glamourösen Gothic- und Punkrock-Universum. Musikalisch wurde die Show von der New Hipster-Band Wild Daughter aus London untermalt. Der Frontmann James Jeanette trat sehr passend in Piratenstiefeln, einer Caban-Jacke aus Krokodillederimitat und einem schwarzen Tiefschutz auf.

Es hätte geradesogut ein Klischee sein können, doch ergab sich vielmehr eine moderne Interpretation des Rocker Chic: Von roten Tigermänteln über übergroße Karo-Cabans bis hin zu Plüsch-Pullovern mit Tulpenärmeln und mit Silberfransen besetzten schwarzen XL-Perfectos.

Auch Edward Crutchley ließ sich für seine Vision sehnsüchtiger Eleganz mit einem kräftigen Schuss Frechheit in eigenen Worten von der "bösen und wundervollen Grace Jones in 'Im Angesicht des Todes'" inspirieren. Crutchleys lockere Schnitte brachten nicht zuletzt spannende lange Mäntel zu Tage, die wie dekonstruierte Kleider mit aufgesetzten Taschen wirkten.

Stellenweise schien der Gedankengang jedoch etwas kompliziert. Gibt es wirklich einen Bedarf für Hosen mit Bundfalten aus silbernen Reißverschlüssen? Doch unter dem Strich bot der Designer eine erfrischende Dosis moderner Schneiderkunst. Das beste Outfit seiner Co-ed-Kollektion war ein wundervoll gestalteter Streifenanzug für Damen, der über einem Rollkragenpullover getragen wurde von einem Model, das Jackie Kennedy glich. Außerdem gelang es keinem anderen Label, britische Stoffe – wie die traumhaften Kaschmirstoffe von Johnstons of Elgin – besser zu verarbeiten als Crutchley.


Iceberg - Herbst/Winter 2019 - London

Der neue Veranstaltungsort lieferte auch externen Designern neue Inspiration. Das norditalienische Label Iceberg und dessen britischer Kreativdesigner James Long orientierten sich in dieser Saison an den italienischen Alpen. Die Marke hat sich bereits in der Vergangenheit für ihre bunten Strickwaren und intelligente Sportswear einen Namen gemacht. Der neue Toptrend der zeitgenössischen Menswear scheint deshalb genau in ihrem Fachgebiet zu liegen – Athleisure.

James Longs Prints waren wild überladen: Skiflaggen, alpine Schilder, Disney-Figuren, berühmte Abfahrten und Sportausrüstung. Auch der Runway-Teppich war von diesen Symbolen übersät. Aus den wild bedruckten Stoffen schuf der Designer glamouröse Jacken, Trainingshosen mit dem Markenlogo, herausragende Pufferjacken und tolle Après-Ski-Pullover. Edler Punk-Grunge in grellen Farben – Icebergs beste Show seit Jahren!

Die meisten Shows wurden in der Truman Brewery organisiert. Das rote Backsteingebäude aus dem 19. Jahrhundert befindet sich in der Nähe von Spitalfields Market. Auch im umliegenden Quartier wurden verschiedene Events organisiert.

Der belgisch-stämmige Designer Angelo Van Mol zeigte eine der besten Präsentationen für Band of Outsiders, mit Filmpremiere, Videoclub und Theater. "Ich liebe den Film 'Aufbruch zum Mond' mit Ryan Gosling. Für mich verkörpern die Mondbilder aus den späten 60er und frühen 70er Jahren eine freiere Zeit und eine offenere Mentalität. Die Tatsache, dass die damaligen Helden das Weltall eroberten, zeigt, dass die Menschen offener für Neues waren, für neue Ideen, Schnitte und Farben", so der Designer.

Vor der Vorführung posierten die fünf Models reihum vor einem winzigen TV-Bildschirm, auf dem verrauschte Schwarz-Weiß-Aufnahmen von Neil Armstrongs Mondlandung gezeigt wurden. Doch trotz der nostalgischen Stimmung fühlten sich die Entwürfe zeitgenössisch an, von den Karojacken aus Mohair und Wolle bis hin zu einem großartigen Parka mit elastischen Baseball-Bündchen. An der Show wurden auch die ersten Womenswear-Designs von Band of Outsiders gezeigt, viele davon in denselben Orangetönen wie die Rauten- und Karomuster der Männerkollektion. Besonders erwähnenswert: Ein vorzüglicher rotbraun-weißer Karo-Anzug aus Pferdeleder.


Astrid Andersen -Herbst/Winter 2019 - London


Auch viele chinesische Designer nahmen an der London Fashion Week Men's teil. Darunter Yushan Li und Jun Zhou, die beiden Modetalente des Labels Pronounce, das sowohl in Mailand als auch Shanghai ansässig ist. Die beiden in London ausgebildeten Designer wurden 2017 für den Woolmark Prize nominiert und zeigten nun eine beeindruckende Show. Grelle Paspelierungen führen als roter Faden durch die Kollektion, auf Mao-Jacken, gefütterten Mänteln und Parkas, alles sehr elegant.
 
Am Sonntag präsentierte ein weiteres im Ausland einquartiertes Duo aus China seine Kollektion - Haoran Li und Siying Qu des Labels Private Policy aus Long Island City. Etwas überraschend für eine Marke aus China, wo Politik das Monopol der kommunistischen Partei ist, spielt das Label in allen Shows mit Datenschutz sowie sozialen und politischen Anliegen. Am Sonntag warnte es vor der Brutalität eines ungehinderten Kapitalismus. Für die Show unter dem Titel "Money vs. Human" wurde der Laufsteg mit einer Reihe von Schreibtischen ausgestattet, auf denen gefälschte Banknotenbündel lagen. Dieselben Scheine wurden auch in durchsichtige Gurte und Schädelkappen gestopft, und als Halskettenschmuck verwendet. Vom politischen Statement abgesehen bot die Kollektion intelligente, wirksame Kleider, von Filzpullovern zu karierten Chesterfields bis hin zu XL-Parkas mit riesigen Fransenschals mit Logo-Print.

Den Auftakt zum Sonntagsprogramm machte das angesagteste britische Label, Kent & Curwen mit David Beckham, in einem Herrenhaus am Themse-Ufer im Stadtzentrum. Dann wurde der Fokus wieder auf das East End gelegt, genauer gesagt auf das Quartier der Truman Brewery mit seinen zahlreichen Concept Stores, Vintage Shops, Kunstgalerien und starken Anziehungskraft für Aktivsportlabel wie Adidas.

Astrid Anderson zeigte ihre Co-ed-Show am Abend bei Temperaturen um den Gefrierpunkt unter einem riesigen gläsernen Wolkenkratzer bei Broadgate. Offensichtlich hat sie die Information des British Fashion Council verpasst, dass die Londoner Saison pelzfrei sein soll. So schickte sie mehrere Pelzmäntel auf den Laufsteg, darunter ein aufsehenerregender Schwarz-Blau getupfter Nerzmantel und ein traumhafter blassblauer Fuchspelzmantel mit Rippleggings im Patchwork-Look.


Mowalowa - Herbst/Winter 2019 - London - Photo: Fashion East


Die publikumswirksamste Veranstaltung des Wochenendes war jedoch Lulu Kennedys Nachwuchsshow Fashion East, in deren Rahmen jeweils drei neue Designer ihre Entwürfe zeigen. Dieses Jahr waren dies: Robyn Lynch aus Irland; Mowalola aus Nigeria; und der Londoner Designer Stefan Cooke.

Lulu Kennedy ist und bleibt die beste Talentsucherin Londons. Die irischen Wurzeln von Robyn Lynch prägten – etwa in Form von Aran-Pullovern – ihre praktische Workwear und Hosen, womit ihr ein raffiniertes Debüt gelang. Stefan Cooke sorgte mit neuen Verarbeitungen für Überraschung, beispielsweise mit elastischem Leder, das an Gelenkstellen in zerknitterten Hosen und straffen Tops zur Geltung kam. Den größten Applaus erntete jedoch Mowalola, deren ausgefallene und vor allem mit Auslassungen glänzende Schnitte plakativ sexualisierende Entwürfe für Frauen im Disco-Prostituierten-Look ergaben. Mit raffiniertem Street Tailoring in buntem Glattleder gelang es ihr, sich als hochoriginelles Talent abzuheben. Ein Name, den wir in London im Auge behalten werden – Mowalola.
 

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