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09.03.2017
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Paris Fashion Week: feministisch und multikulturell

Veröffentlicht am
09.03.2017

Der internationale Frauentag steht in diesem Jahr unter dem Motto “Frauen in der sich verändernden Arbeitswelt” und mahnt gleichen Lohn für gleiche Arbeit an – „50-50 by 2030“ – spätestens im Jahr 2030. Dies ist ein ideales Ziel in der Mode, die mehr und mehr zu einer von Frauen geführten Industrie wird. Passend dazu gab es einen neuen Rekord – 34 der 82 im offiziellen Kalender stehenden Shows wurden von Frauen entworfen.
 

Bleu de Travail, for International Women's Day, Christian Dior - Fall-Winter2017 - Womenswear - Paris - © PixelFormula


Passend dazu verbannte Christian Dior das Logo des Hauses in Grau vom Laufsteg und ersetzte es durch eine Art “50 Shades of Blue”, wobei deren vorherrschender Farbton das war, was Franzosen “bleu de travail”, das „Arbeitsblau“ nennen. In der vergangenen Saison versandte Diors Creative Director, Maria Grazia Chiuri, ein T-Shirt mit der Aufschrift “Wir sollten alle Feministinnen sein” und in dieser Saison steckte sie eine Vierergruppe Models in Arbeitshosen und –jacken. Bei Balenciaga, von vielen als herausragendste Show der Saison angesehen, zog Designerin Demna Gvasalia den Frauen Männerjacken über, asymmetrisch geschnitten, gerade so, als seien sie falsch geknöpft. Parkas, Duffle Coats, Windjacken und Trench Coats definieren eine neue, trendige Raffinesse für die kreative Dame.   

Romantischer Feminismus

Galactic super heroine from Star Trek, Captain Karl Lagerfeld for Chanel - Fall-Winter2017 - Womenswear - Paris - © PixelFormula


Bei Miu Miu zeigte Miuccia Prada modern Exotisches – mit gigantischen Schalkrägen, weiten après Ski-Parkas und Kunstfelljacken in alles Regenbogenfarben, bedeckt mit Strass-Steinen und Kristallen. Viele Frauen mögen ihren Feminismus eben glamourös. Zugleich erträumte Chanels Star Trek-Captain Kirk Lagerfeld die Zukunft – mit Raumfahrt-Superheroinen in sternenhell leuchtenden Cocktail-Kleidern und silbern schillernden Jacken.

Bei Valentino mischte Pierpaolo Picciolis Vision der feministischen Romantik viktorianische Reserviertheit mit den Pop Art Farben der italienischen Designrichtung Memphis zu superben langen Umhängen, Kleidern und Jacken. 

Einmal quer durch die Stadt markierten alle Kollektionen die Rückkehr der breiten Schultern aus den 80-gern, so wie in der großen Eröffnungsshow der Saison, der von Saint Laurent Paris. Creative Director Anthony Vaccarello zeigte brutale Romantik mit tief ausgeschnittenen Leder-Cocktail-Kleidern; Smokings trugen kettenbesetzte Schultern und ein Meter lange schillernde Handschuhe, die an den Schultern festgenagelt waren. An diesen Frauen war so gar nichts unterwürfig. Nichtsdestotrotz verlangten die französischen Werbegremien am Ende der Woche, dass dieses Haus seine neueste als “Porno-Schick” bezeichnete Anzeigenkampagne zurückzog, in der eine Frau in Fischnetz-Strumpfhosen und mit einem offenen Schritt am Boden liegt. Das Urteil über das Motiv: Es zeige eine Person in “erniedrigender und demütigender Pose”.
 
Anderswo war der Trend eine farbenfrohe und romantische Seite des Feminismus; von enormen, alles einhüllenden Mänteln in wilden floralen und ethnischen Motiven wie bei Dries Van Noten, ein universelles Nachschlagewerk für Drucke auf einem Staraufgebot multi-ethnischer Supermodels bis hin zu wollenen Männer-Gehröcken, gepaart mit geschnürten Blusen bei Lanvin, zu gleichen Teilen bestimmend und feminin. Anregungen aus der athletischen Sportwelt im Überfluss – vor allem bei der Girl Power Show der Woche Fenty x Puma, Rihannas Kollektion mit dem deutschen Sportswear-Giganten. Die Rocksängerin zeigte ihre Show im Rahmen eines einfachen Gangs entlang der Lesetische in der National Library of France an der Rue des Richelieu, zum Finale wurden Bücher zerrissen. Man nur raten, was der Kardinal dazu wohl gesagt haben dürfte!



Girl Power Mode from Fenty x Puma by Rihanna - Fall-Winter2017 - Womenswear - Paris - © PixelFormula


Durchgängig war ein Trend zur Folklore – derbe Gebirgspullover bei Saint Laurant und Sonia Rykiel und rohe Tartaren-Kleider oder indianisch inspirierte Fell-Bomber-Jacken bei Louis Vuitton – alles übertragen in eine moderne, großstätische Ausstattung für die vielbeschäftigte und kreative Karrierefrau

Erhöhte Sicherheit

Angesichts der Terrorattacken in Frankreich arbeitete die Chambre Sydicale, Frankreichs Modeautorität, eng mit der Pariser Polizei Präfektur zusammen, um alle Ängste der Besucher vor einem Anschlag auf eine so profilierte Industrie wie die Mode zu zerstreuen. Sicherheitsleute waren bei allen Shows sehr präsent, selbst bei kleineren Events wie APCs 30-jährigem Jubiläum, wo mehr als ein Dutzend schwer bewaffneter Polizisten in der Rue Madame ihre Pflicht taten. Während der großen Shows konnte man ganze Gruppen von Zivilbeamten sowohl draußen wie auch drinnen in der Menge entdecken.   

Zudem berichteten viele Showroom-Besatzungen über einen deutlich ausgedünnten Besuch internationaler Modehändler – während das Interesse großer Magazine, wichtiger Einkäufer und Influencer aus dem Social Media-Bereich hoch zu sein schien.
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Model-Polemik

Eine Fashion Week wäre nicht komplett ohne ein wenig Polemik, die dieses Mal dominiert wurde durch die Klagen von Casting Director James Scully über Teenage-Models, die in einem kalten, dunklen Treppenhaus warten mussten, während der Casting Director von Balenciaga zu einem dreistündigen Lunch unterwegs war und das Lanvin angeblich drei Model-Agenturen angerufen und gefordert haben soll, dass sie keine farbigen Models zur Show schicken sollten.

Als Reaktion darauf feuerte Balenciaga ihre Casting Direktorin Maida Gregori Boina, obwohl sie vehement protestierte und ihre Unschuld beteuerte. Zudem ärgerten die Anschuldigungen Lanvins Creative Direktorin Bouchra Jarrar so sehr, dass sie am Mittwoch, 1. März, nach ihrer Show im Pariser Rathaus gegenüber FashionNetwork.com sagte: „Wie kann irgendjemand ernsthaft glauben, dass wir so etwas machen. Ausgerechnet unser Modehaus des Rassismus zu beschuldigen! Ich denke, wir sind alle intelligent genug um zu wissen, dass ein Kreateur in Paris so etwas nicht tun würde!“ Im Übrigen hatte der puerto-ricanische Star Joan Smalls dieser Show die Hauptrolle.


Joan Smalls walking in City Hall for Lanvin - Fall-Winter2017 - Womenswear - Paris - © PixelFormula


Am Morgen des Sonntags, 5. März, marschierte eine kleine Gruppe von Protestlern vor Balenciaga auf und klagte über einen angeblichen Mangel an Models anderer Hautfarben in den Haupt-Shows von Paris. Ironischerweise lief das sudanesische Supermodel Alek Wek für Balenciaga, atemberaubend schön in einer schwarzen Seidenrobe mit einer enormen Taft-Schleife. Sie posierte sogar außerhalb der Show mit einem Balenciaga-Blumenstrauß für Instagram im Regen, der die gesamte Woche über auf Paris niederprasselte.  

Ein Lob der Einwanderung

Tatsächlich war dies Paris Saison der Inklusion. Wo sich Designer sehr deutlich gegen Chauvinismus und Donald Trumps Reiserichlinie aussprachen. Bei der Verleihung des LVMH Preises im gigantischen Luxushauptquartier sagte eine der Kandidatinnen, die in Sibirien geborene, aber in Crown Heights, New York lebende Designerin Maria Jahnkoy den Zuhörern via Skype über ihr Apple iPad: „Ich habe mich nicht getraut von New York nach Paris zu kommen, weil ich fürchtete, dass sie mich nicht wieder reinlassen.“     


Russian-born, but NYC-based designer MariaJahnkoy, scared of Trump border controls, speaks to LVMH Jury members via Skype - Godfrey Deeny

 
Dem seien Nicolas Ghesquière von Louis Vuitton – LVMH’s größter Marke – und Cour Marky vom Louvre entgegen gehalten, die mit der ersten Modenschau im größten Museum der Welt ein weithin sichtbares Zeichen für Inklusion und den Glauben an Einwanderung gesetzt haben.
 
Diese Show hat die Grenzen zwischen den Geschlechtern, Stadt und Land, Nacht und Tag eingerissen, noch bevor Ghesquière Bachstage den Journalisten sagte: “Ich möchte durch die Mode zeigen, dass Einwanderung immer äußerst wichtig war für die Entwicklung einer Zivilisation.“ Seine Vuitton-Show konnte sich der Anwesenheit von fünf asiatischen und sechs farbigen jungen Frauen rühmen. Fürs Protokoll – hier sind ihre Namen: Janaye Furman, Theresa Hayes, Shelby Hayes, Manuela Sanchez, Selena Forrest and Elibeidy Danis. 


 

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