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Übersetzt von
Aline Bonnefoy
Veröffentlicht am
26.06.2022
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Pariser Menswear-Schauen am Samstag: Intensität und Lässigkeit bei Craig Green, Loewe und Hermès

Übersetzt von
Aline Bonnefoy
Veröffentlicht am
26.06.2022

Die aufmüpfigsten Kreativdesigner der Menswear – Craig Green und Jonathan Anderson – starteten den Samstag mit ihren verblüffend einzigartigen Visionen, darauf folgte das ehrwürdige Haus Hermès mit einer erfrischenden Lektion in eleganter Unbekümmertheit.

Craig Green: Körperschmuck im Musée de l’Homme



Die Inspiration für die im Pariser Musée de l’Homme präsentierte Kollektion von Craig Green war das Werk 'Corps en fête'.


Craig Green Frühjahr-/Sommerkollektion 2023 - Craig Green

 
Green führte verschiedenartige Elemente zusammen, von Uhrenabdeckungen aus dem Zweiten Weltkrieg über Arbeiterkleider und Comics bis hin zu Wedgwood-Keramik und präsentierte eine brillante Vision der Menswear, deren Einfluss sich über alle Kontinente erstrecken wird.

Zum Auftakt zeigte Green ein Trio ganz in Weiß: OP-Kittel und breite Hosen, dazu Gürtel von Sam Browne, Hals- und Armbänder, Wasserflaschen, Scheuklappen und ein Motorradsitz als strukturelle Erweiterung. Darauf spielte er mit ähnlichen Elementen in sanftem Beige. Alles in allem eine Kollektion mit einer perfekten Farbpalette – Anthrazit, Altgold, Graublau und Rosarot.

Als roter Faden führte der Eindruck eines nomadischen Volks, das auf seinem Weg um die Erde Ideen sammelt, durch die Show. Von silbernen gefütterten Rucksäcken über Drachenflieger-Gurte und Man Bags bis hin zu goldenen Laptopcovers, Gürteln und Hosenaufschlägen. Oft mit funktionellen silbernen Aufnähern – in die sich die Kleidungsstücke wie in Taschen verpacken ließen.

Craig kehrte auch zu seinen charakteristischen aufgeblähten Zeltformen zurück, die an mehreren Models von den Schultern aus herabragten und im Pariser Museum für einen visuellen Kontrast sorgten. Das Musée de l’Homme wurde für die Show ganz in Weiß gekleidet.

Hochwertige konzeptuelle Mode, gestützt auf großartige Jacken aus Wachs-Baumwolle, mattsilberne Mäntel, gefütterte Blazer und ergonomische Hosen. Kein Wunder waren in der ersten Reihe Vertreter der besten Modehändler der Branche zu finden.

Craig Greens Inspiration für seine jüngste Kollektion stammt von der Idee des Körpers als Kunstwerk. "Wir versuchten, einen sehr nützlichen Mann zu entwerfen, deshalb ergänzten wir die Kollektion um einen Sattel und eine Leiter. Und um konzeptuelle Objekte – Dosen, aus denen man nicht trinken kann und Koffer, in die man nicht rein kann", lachte der Designer im Backstage-Gespräch.

Darauf folgte ein heraldischer Teil mit riesigen gefütterten Mänteln mit Girlanden und Wappenschildern, inspiriert von den Mustern und Formen von Sportzeitschriften, in denen die Leser für die Schule ein eigenes Wappen auswählen können. Dann kam das Finale mit gefütterten Mänteln, Tuniken und Umhängen mit heraldischen Motiven, die alle mit der Idee der Wedgwood-Keramik spielten.

“Wie als ich in meiner Jugend die Sendung "Antiques Roadshow" sah und der größte Fund ein Wedgwood-Topf war!", ergänzte Green, der sogar eine noch gewagtere Version seines Werks zeigte. Brilliant biomorphische Tops aus verschiedenen beschichteten Materialien und japanischem Papier mit gefütterten Handschuhen.

Das ganz in Weiß getauchte Set suggerierte neoklassische Keramikwerke, bei denen der Hintergrund weiß ist und sich die Symbole deutlich abheben.

Dazu zeigte Green eine intensive Schuh-Zusammenarbeit mit Adidas. Zum ersten Mal verwendete die Marke in dieser Saison das Material der 'Boost'-Sohlen auch für den Schaft.

"Ich weiß nicht, ob ich das so sagen soll, aber Boost wurde für Kühe verwendet, bevor der Stoff bei Turnschuhen Einsatz fand", lachte Green. Dazu zeigte er flache Sandalen und gut verstaubare Schuhe mit Reißverschluss als Bordüre.

Eine falsche Note suchte man in dieser Kollektion vergeblich. Kurz gesagt: Nach 12 Tagen Menswear und fast 100 Schauen zeigte Green die bemerkenswerteste Kollektion der Saison.

Loewe: Natur trifft auf Technologie



Bei Loewe drehte sich am Samstag alles um das Zusammentreffen von Kunst, Sozialkommentar, Natur und cooler Kleider. Auch hier sorgte ein ganz in Weiß gehaltenes Set für einen bemerkenswerten Hintergrund. Die Show zeugte von einem ziemlich radikalen Richtungswechsel bei Loewe, mit zahlreichen Aktivsport-Ideen – Zwei-Streifen-Leggings und -Tops – die zu einer künstlerischen Mixtur vermischt wurden.


Loewe - Frühjahr/Sommer 2023 - Menswear - Paris - © PixelFormula

 
In der vergangenen Woche verwiesen bereits andere Marken – von Dior bis Zegna – auf die freie Natur. Doch der Kreativdirektor von Loewe sandte lebendige Natur über den Laufsteg. Dafür arbeitete er mit einem spanischen Künstler zusammen, der Pflanzen in Stoffe einbaut. Daraus entstanden Sneakers mit 15-cm-hohen Grashalmen sowie moosbewachsene Hosen und Crombie-Mäntel.

"Es ist ein bisschen, wie wenn man jung ist und entdeckt, dass man Kresse in Eierschalen säen kann", strahlte Anderson. Loewe habe zudem vor, in den Flagship-Stores echte Samen mit den Schuhen zu verkaufen.

Viele Models trugen Bildschirmschoner-Masken, andere nahmen den Hang des Laufstegs in Cocooning-Mänteln und mit metergroßen Bildschirm-Paneelen in Angriff.

"Die Idee ist, dass die Natur technologisch sein kann, bzw. die Technologie natürlich. Und dass wir experimentieren müssen, um neue Wege in der Mode zu finden, um uns weiterzuentwickeln", ergänzte er.

Auf allen Bildschirmen waren Naturbilder zu sehen – so tropische Fische und emsige Bienen. Alle Bilder stammen aus der Online-Bildbibliothek Shutterstock und eigneten sich hervorragend für großartiges Modetheater. "Uns gefiel die Vorstellung, dass diese Bilder von Menschen gemacht wurden, die sie einfach hochgeladen haben", erklärte Jonathan.

Ein Schlüsselelement in Andersons Wiederbelebung von Loewe war sein Einsatz spanischen Leders, das leicht derber wirkt als italienisches oder französisches Leder, doch geschmeidiger ist. Sein Runway war ganz in das Material gehüllt, von dicken Mänteln bis hin zu klobigen Stiefeln in Form von Handtaschen und zu Kordelzügen.

"Ich weiß, dass die Mode mit dem Metaverse arbeitet, aber vielleicht brauchen wir eine stärkere Verankerung in der Körperlichkeit. Ähnlich wie im Silicon Valley, einer IT-Oase, die von einer Natur-Oase umgeben ist. Die Mode muss ein Fenster zur Welt sein. Besonders in der heutigen Zeit, in der wir einfach den Fernseher einschalten und weniger fortschrittlich zu sein scheinen", sagte der aus Nordirland stammende Designer abschließend.

Hermès: Elegante Lässigkeit



Das französische Konzept der Nonchalance bildete den Schlüssel zur jüngsten Kollektion von Hermès. Ein Gefühl der Lässigkeit und Gelassenheit strömte durch die Show, ungeachtet des bedrohlichen Wolken, die sich über den Zuschauern auftürmten.


Hermes Frühjahr/Sommer2023 - Hermes


Die Wolken waren so dunkel, dass das Haus allen Gästen beim Betreten des Innenhofs der renommierten Tapisserie-Fabrik Manufacture des Gobelins regendichte Parkas und breite Regenschirme verteilte. Schließlich blieben die Zuschauer trocken, und die gezeigten Kleider ließen die Gedanken zu sommerlichem Wetter, sonnigen Terrassen, Strand-Cafés und Sonnenuntergänge am Mittelmeer schweifen.

"Ich wollte die Stadt weit hinter uns lassen. Und ich sah Swimmingpools, Wellenmuster, die durch das Wasser verzerrt werden, bunte Farben", erklärte die Menswear-Designerin von Hermès, Véronique Nichanian.

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berraschend sandte Nichanian auch mehrere übergroße Birkin-Taschen für Herren über den Laufsteg, die passend zu den Hemden mit breiten Karos verziert waren.

Es war fast kein Anzug zu sehen, doch eine Reihe großartiger Jacken und Windjacken aus Nylon, feiner Baumwolle und Leder. Einige waren mit einem Futter ausgefertigt, das wie kleinformatige Fliesen aussah. Dazu viele coole enganliegende Strickwaren in den Farben des Sonnenunter- und -aufgangs.

Viele Entwürfe wurden mit technischen Schwimmschuhen kombiniert, als wären die Models unterwegs zu einem Sprung ins kühle Nass, kurz vor dem Aperitif. Das hört sich doch verlockend an.
 

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